Faculté des lettres

Problemlösen - (k)ein Problem? : Personalisierter Unterricht als Lerngelegenheit zum Aufbau von Problemlösekompetenzen

Schmid, Mirjam ; Pauli, Christine (Dir.)

Thèse de doctorat : Université de Fribourg, 2019.

Bedeutsame gesellschaftliche und bildungspolitische Veränderungen haben Anstoss zur Ent-wicklung innovativer Schul- und Unterrichtskonzepte gegeben. Eine daraus resultierende Leit-idee ist das personalisierte Lernen. Ein Schwerpunkt von Schulen, welche sich an personali-sierten Lernkonzepten orientieren, ist die Förderung fachlicher und überfachlicher Kompeten-zen, wobei eine zentrale... More

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    Zusammenfassung
    Bedeutsame gesellschaftliche und bildungspolitische Veränderungen haben Anstoss zur Ent-wicklung innovativer Schul- und Unterrichtskonzepte gegeben. Eine daraus resultierende Leit-idee ist das personalisierte Lernen. Ein Schwerpunkt von Schulen, welche sich an personali-sierten Lernkonzepten orientieren, ist die Förderung fachlicher und überfachlicher Kompeten-zen, wobei eine zentrale Kompetenz das Problemlösen ist. Bezüglich der Fähigkeit zum Prob-lemlösen zeigt sich das personalisierte Lernen sowohl aus theoretischer als auch aus prakti-scher Sicht vielversprechend, was jedoch bislang kaum empirisch untersucht wurde. Die vorliegende Forschungsarbeit setzt hier an und geht erstens der Frage nach, wie erfolg-reich Lernende aus Schulen mit personalisierten Lernkonzepten gegen Ende der obligatori-schen Schulzeit allein und in der Gruppe ein konkretes Problem im Mathematikunterricht lö-sen. Neben dem Problemlöseprodukt wird auch der Problemlöseprozess der Lernenden unter anderem hinsichtlich Vollständigkeit und Linearität analysiert. Zweitens interessiert die Frage, welche Rolle soziodemografische und individuelle Merkmale der Schülerinnen und Schüler so-wie die von ihnen wahrgenommene Personalisierung der Oberflächen- und der Tiefenstruktur des Unterrichts beim Lösen des Problems spielen. Zur Klärung dieser Fragen wurde auf Daten von 250 Neuntklässlerinnen und Neuntklässlern aus elf Schulen mit unterschiedlicher Umsetzung des personalisierten Lernens zurückgegrif-fen, die allein die ursprünglich aus TIMSS 1995 stammende Problemlöseaufgabe „Verpackun-gen“ gelöst hatten. Zusätzlich hatten die Schülerinnen und Schüler ein Reflexionsinstrument mit offenen und geschlossenen Fragen zu ihren Vorgehensweisen beim Bearbeiten der Ver-packungsaufgabe sowie allgemein zu ihrem Vorgehen bei Problemlöseaufgaben ausgefüllt. Anschliessend hatten die Lernenden jeweils zu dritt eine neu entwickelte, auf der Problemlö-seaufgabe „Verpackungen“ aufbauende Problemlöseaufgabe zu bearbeiten, wobei in jeder Schule eine Dreiergruppe beim Lösen dieser Problemlöseaufgabe videografiert worden war. Die Lösungen der Problemlöseaufgaben wurden anhand des weiterentwickelten Kodierleitfa- dens von TIMSS 1995 kodiert und das selbstberichtete Vorgehen beim Lösen des Problems „Verpackungen“ wurde anhand eines theoriebasierten Kategoriensystems inhaltsanalytisch ausgewertet. Zusätzlich wurden Daten aus einer umfassenden Befragung der Schülerinnen und Schüler sowie Leistungsdaten (Mathematik und Deutsch) herangezogen. Die Auswertungen zur ersten Frage zeigen, dass die Lernenden aus Schulen mit personalisier-ten Lernkonzepten ihr Vorgehen beim Problemlösen zwar relativ ausführlich und grösstenteils in theoretisch aufbauender Reihenfolge beschreiben konnten, das Verpackungsproblem je-doch nur von wenigen Lernenden vollständig korrekt gelöst wurde, wobei insbesondere das Zeitmanagement beim Lösen des Problems Mühe bereitete. Das Gleiche gilt für das gemein-same Lösen des Verpackungsproblems, da nur wenige Gruppen das Problem vollumfänglich lösen konnten. Die videografierten und vertieft untersuchten Gruppengespräche während des Problemlösens zeichneten sich durch grosse Unterschiede bezüglich der Sprechbeteiligung, der Bearbeitungsdauer und der inhaltlich-fachlichen sowie regulativen Qualität aus. Die Auswertungen zur zweiten Frage zeigen, dass Schülerinnen und Schüler, welche Unterricht mit erweiterten Anforderungen besuchten, das Verpackungsproblem besser gelöst haben als Lernende aus tieferen Niveaus. Wie die Lernenden die Oberflächen- und die Tiefenstruktur des Unterrichts wahrnahmen, hatte hingegen keinen Einfluss auf den Erfolg beim Lösen des Problems. Die eher schlechten Leistungen beim Verpackungsproblem (Einzel- und Gruppenarbeit), das mangelnde Zeitmanagement, die fehlende Ausdauer beim gemeinsamen Problemlösen und die nicht sehr qualitätsvolle Zusammenarbeit wurden nicht erwartet und deuten darauf hin, dass das Problemlösen für relativ viele Schülerinnen und Schüler der Stichprobe ein Problem darstellte und es den untersuchten Schulen somit nicht ausreichend gelang, alle ihre Schüle- rinnen und Schüler zu kompetenten Problemlösenden auszubilden.