Bildungswege von Imamen aus des Schweiz

Schmid, Hansjoerg ; Trucco , Noemi

(SZIG-Papers ; 7)

Auf verschiedenen Ebenen hat sich gezeigt, wie vielschichtig und komplex die Frage der Bildungswege der Imame aus der Schweiz ist: Sie sind in verschiedenen sprachlichen Gemeinschaften tätig und haben sich auf ganz unterschiedliche Art und Weise für ihre Tätigkeit qualifiziert. Ihre schulische Ausbildung und ihr Hochschulstudium haben sie in verschiedenen Ländern absolviert. Die... More

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    Zusammenfassung
    Auf verschiedenen Ebenen hat sich gezeigt, wie vielschichtig und komplex die Frage der Bildungswege der Imame aus der Schweiz ist: Sie sind in verschiedenen sprachlichen Gemeinschaften tätig und haben sich auf ganz unterschiedliche Art und Weise für ihre Tätigkeit qualifiziert. Ihre schulische Ausbildung und ihr Hochschulstudium haben sie in verschiedenen Ländern absolviert. Die entsprechenden Studiengänge weisen sehr unterschiedliche Profile auf, die aber wiederum von den Imamen individuell angeeignet und kombiniert werden. So lässt sich vom Studium in einem bestimmten Land in keiner Weise unmittelbar auf die Einstellung eines Imams schliessen. Wer in Sarajevo studiert hat, ist nicht automatisch ein Reformist; wer in Saudi-Arabien studiert hat, nicht automatisch ein Wahhabit. Zudem werden im Rahmen eines transnationalen Diskurses oft sprachliche und nationale Grenzen überschritten, etwa durch vom Balkan stammende Imame, die in der Türkei oder arabischen Ländern studiert haben bis hin zum aus Albanien stammenden Diyanet-Imam. Schliesslich zeigt sich auch eine Vielfalt an Bemühungen um eine politische Steuerung wie einen Aufbau von Bildungsangeboten in Frankreich, Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz. Inwieweit diese Angebot Imame tatsächlich erreichen, muss sich erst noch zeigen. Im Sinne eines Fazits können folgende Aspekte festgehalten werden: Erstens muss sowohl in öffentlichen Diskussionen als auch beim Aufbau von Bildungsangeboten der grossen Diversität der Imame und ihrer Bildungswege Rechnung getragen werden. Dabei sollte auf den Begriff Imamausbildung verzichtet werden, da er einen einheitlichen institutionellen Rahmen voraussetzt, der im Islam nicht gegeben ist. Ausserdem liegt mit dem Begriff der Fokus primär auf der berufspraktischen Qualifizierung, die nur einen Teilbereich darstellt. Oft werden Imame in öffentlichen Debatten als Entsprechung zu Pfarrern gesehen, was aber nur begrenzt zutreffend ist. Auch wenn es in verschiedenen Ländern zu einer Akademisierung des Imamberufs gekommen ist, ist nicht ausgemacht, dass alle muslimischen Gemeinschaften in der Schweiz für Imame ein Hochschulstudium der islamischen Theologie verlangen. Zweitens sollte eine pauschale Gegenüberstellung zwischen in- und ausländischen Bildungsangeboten überwunden werden. An traditionellen Bildungsstätten gepflegte Bildungswege werden weiterhin ein hohes Gewicht für Mus- 5. Fazit und Perspektiven liminnen und Muslime behalten – genauso wie auch neuere Diskussionen etwa um muslimische Seelsorge das Profil von Imamen prägen werden. Unverzichtbar ist die Mitwirkung muslimischer Gemeinschaften beim Aufbau von Bildungsangeboten, da diese ansonsten keine zureichende Akzeptanz finden werden. So kommt den muslimischen Gemeinschaften in der Schweiz die Aufgabe zu, das Berufsprofil «Imam» zu definieren und dafür aus ihrer Sicht erforderliche Qualifikationen zu benennen. Drittens bietet sich im Blick auf die Schweiz als ein relativ kleines Land ein Kombinationsmodell für die Qualifizierung von Imamen an. Die Studie über Imame und islamische Religionslehrpersonen im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 58 konnte in diesem Sinn zeigen, dass der grössere Teil der damals befragten Musliminnen und Muslime eine Kombination von Angeboten im Ausland und im Inland bevorzugte (Rudolph, Lüddeckens und Ulrich 2009:4). Zukünftige Imame könnten ein Bachelorstudium im Ausland absolvieren – sei es in Bosnien-Herzegowina, in der Türkei, in arabischen Ländern oder an einem der neuen Institute für islamische Theologie in Deutschland. Ein Masterstudium in der Schweiz könnte sich anschliessen, das der Kontextualisierung islamisch-theologischen Wissens dienen würde. Hinzu kämen unterschiedliche Weiterbildungsangebote je nach Kompetenzbereich sowohl an Hochschulen als auch im Rahmen der muslimischen Organisationen. Viertens sollte der Aufbau von Bildungsangeboten nicht primär als ein technisches Unterfangen verstanden werden. Voraussetzung dafür sind der Aufbau einer Reflexionskultur und Forschungen über Schlüsselfragen islamisch-theologischer Selbstreflexion in Europa. Dabei geht es um die Frage, was Muslimsein heute bedeutet und welchen Beitrag Musliminnen und Muslime in europäischen Gesellschaften leisten können. Es sind also breitere Strukturen und Ressourcen im Bereich der Forschung erforderlich, um davon ausgehend erst Inhalte für Studien- und Bildungsangebote zu erarbeiten zu können.