"In einem gewissen Sinne politisch belastet". Bevölkerungswissenschaft und Bevölkerungspolitik zwischen Entwicklungshilfe und bundesrepublikanischer Sozialpolitik (1960er und 1970er Jahre)

Hartmann, Heinrich A.

In: Historische Zeitschrift, 2016, vol. 303, no. 1, p. 98-125

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    Summary
    In der Nachkriegszeit gehörte die Bevölkerungspolitik zu den belasteten Bereichen deutscher Politik, die in Westdeutschland kaum offen adressiert wurden. Die verschiedenen Bundesregierungen vermieden es, in diesem Bereich direkt tätig zu werden. Dennoch war diese Abgrenzung keineswegs absolut: In einigen Politikbereichen gab es Kontinuitäten, die etwa im Bereich der Familienpolitik bereits in den 1950er Jahren wieder eine gewisse, wenn auch bescheidene Rolle in der westdeutschen Sozialpolitik zu spielen begannen. Doch einen wirklichen Impuls erlebte das Feld weniger aus den innerdeutschen sozialpolitischen Kontexten heraus als vielmehr durch das neue Feld der Entwicklungspolitik und durch die Sorgen um eine globale Bevölkerungsexplosion. Der Aufsatz zeigt, dass dieser Bereich seit den 1960er Jahren mehr und mehr Aufmerksamkeit erfuhr und von der Bundesregierung genutzt wurde, um sich vorsichtig auch im Feld der Entwicklungshilfe neu zu positionieren. Dabei wirkte dieses Feld auf der einen Seite als neuer institutioneller Rahmen für einige frühere Experten. Andererseits war allerdings der entwicklungspolitische Zusammenhang auch entscheidender Impuls für Diskurse und neue Institutionen, die paradoxerweise den Stellenwert der bevölkerungswissenschaftlichen Ansatzpunkte in der bundesdeutschen Sozialpolitik stärkten. So wirkte sich die Diskussion der globalen Bevölkerungsdiskussion etwa auf die Debatten um die Legalisierung von Abtreibung oder auf den Aufbau eines neuen Instituts für Bevölkerungswissenschaften aus. Obwohl die Ängste vor globaler Überbevölkerung und vor zurückgehenden Geburtenraten entgegengesetzt schienen, trugen doch beide wesentlich zur Integration bevölkerungspolitischer Handlungsfelder in den Katalog bundesdeutscher Sozialpolitik bei.