Faculté des lettres

Die Verantwortung der Schulleitung für Schulabsentismus : Analyse und Governance

Depauly, Manuela ; Stamm, Margrit (Dir.)

Thèse de doctorat : Université de Fribourg, 2017.

Seit dem Paradigmenwechsel in der Steuerung des Bildungswesens trägt die Einzelschu-le als Gestaltungseinheit bei der Umsetzung pädagogischer Aufgaben eine grosse Ver-antwortung für die Qualität: Im Zuge einer „pädagogischen Schulentwicklung“ müssen pädagogische Ziele vor Ort von allen an Schule Beteiligten gemeinsam geklärt, reflektiert und vereinbart werden, wobei der Schulleitung... Plus

Ajouter à la liste personnelle
    Zusammenfassung
    Seit dem Paradigmenwechsel in der Steuerung des Bildungswesens trägt die Einzelschu-le als Gestaltungseinheit bei der Umsetzung pädagogischer Aufgaben eine grosse Ver-antwortung für die Qualität: Im Zuge einer „pädagogischen Schulentwicklung“ müssen pädagogische Ziele vor Ort von allen an Schule Beteiligten gemeinsam geklärt, reflektiert und vereinbart werden, wobei der Schulleitung bei diesem Aushandlungsprozess und somit für die Erreichung der angestrebten Ziele die Gesamtverantwortung zukommt. Im Zentrum der vorliegenden Arbeit steht die pädagogische Aufgabe „Schulabsentismus“, mit der sich Einzelschulen zunehmend konfrontiert sehen. Aufgrund der relativen Gestal-tungsautonomie, mit der die einzelnen Schulen an diese Aufgabe herangehen können, lässt sich erwarten, dass die Antworten, die die einzelnen Schulen bei der Bearbeitung dieser Aufgabenstellung finden, sehr unterschiedlich aussehen können. Die vorliegende Untersuchung nimmt nun genau diese Variationsbreite schulischen Handelns in den Blick und geht dabei konkret der Frage nach, wie zwölf Oberstufenschulen in der deutschspra-chigen Schweiz (in Stadt und Kanton Zürich) mit dem Phänomen bzw. der pädagogischen Aufgabe „Schulabsentismus“ umgehen. Dabei wird analysiert, wie sich schulische Pro-zesse bezüglich der Aufgabenstellung „Schulabsentismus“ in der Arbeitsorganisation im Entscheidungs- und Steuerungsbereich der Einzelschule niederschlagen und wie die Ak-teurinnen und Akteure vor Ort dabei ihre Gestaltungsoptionen und -freiräume nutzen (bzw. eventuell auch nicht nutzen). Das Erkenntnisinteresse richtet sich dabei insbeson-dere auf die Frage, wodurch die Unterschiedlichkeiten im Umgang mit schulabsenten Schülerinnen und Schülern zustande kommen und welche Formen der Verantwortungs-übernahme (bzw. einer möglichen Verantwortungsverlagerung) dabei sichtbar werden. Zu diesem Zweck wurden mit den Schulleitungen der zwölf untersuchten Schulen leitfaden-gestützte Interviews geführt. Die Analyse der Daten zeigt, dass Schulen ganz unterschiedliche Antworten und Reakti-onsweisen für die Bearbeitung der Aufgabenstellung „Schulabsentismus“ finden: Es ergibt sich eine Unterscheidung zwischen Schulen, die ziemlich erfolgreich („die Optimalfälle“), Schulen, die relativ erfolgreich („die Normalfälle“), und Schulen, die wenig erfolgreich („die Problemfälle“) mit der Bewältigung dieser Aufgabe umgehen. Die Ergebnisse verweisen vor allem auf die grosse Wirkkraft der Schulleitung als Schlüsselperson bei der Bearbei-tung der pädagogischen Aufgabe „Schulabsentismus“. Schulleitungen werden durch die Qualität ihres Handelns gleichsam zu Chancen und Risiken für schulabsente Schülerin-nen und Schüler. Insgesamt verweisen die Befunde daher darauf, die Erfolge bzw. Misserfolge von Schulen bei der Bearbeitung der pädagogischen Aufgabe „Schulabsentismus“ in engem Zusam-menhang mit der steuerungsbezogenen Wende des Bildungssystems zu sehen. Die Er-gebnisse der vorliegenden Untersuchung stützen hinsichtlich des Phänomens „Schulab-sentismus“ die These, dass die Erweiterung der Handlungs- und Gestaltungsspielräume der Einzelschule nicht nur intendierte (Optimalfälle), sondern auch nicht intendierte (Nor-mal- und Problemfälle) Wirkungen haben kann. Anpassungen und Verbesserungen müs-sen daher auf eine Korrektur allfälliger Fehlsteuerungen abzielen, wobei sowohl die Quali-fizierung von Schulleitenden als auch die Rechenschaftslegung der Einzelschulen bezüg-lich ihrer Absentismuszahlen verstärkt werden sollten. Die Arbeit schliesst mit fünfzehn konkreten Handlungsempfehlungen, die zu einer Optimierung des Umgangs mit Schulab-sentismus beitragen können. Dabei beziehen sich die Ableitungen und Forderungen, die sich aus den Befunden der vorliegenden Arbeit ergeben, sowohl auf die Ebene der Ein-zelschule als auch – im Sinne einer governancetheoretischen Perspektive – auf die Regu-lierungs- und Steuerungsverhältnisse im Mehrebenensystem des Bildungswesens. Das übergeordnete Ziel besteht darin, auf schulischer Ebene einen Beitrag zu leisten, der der Exklusion in der heutigen Gesellschaft entgegenwirkt: Im Sinne einer integrationspädago-gischen Umsetzung geht es um das „Im-Felde-Halten“ gefährdeter Heranwachsender in der Regelschule und nicht um den Ausbau pädagogischer Sondermassnahmen.