Faculté des sciences

La circulation des personnes. Kultur als Form symbolischer Gewalt Grenzziehungsprogresse im Kontext von Migration am Beispiel der Schweiz

Dahinden, Janine

(Working Papers MAPS ; 5)

Die Schweiz gilt international als Modell eines gelungenen Multikulturalismus, dann nämlich wenn es das Zusammenleben der vier Sprachgruppen (Romands, DeutschschweizerInnen, TessinerInnen, RäteromanInnen) betrifft. Ein sprachlicher wie auch religiöser Pluralismus ist und war stets ein Grundbaustein des Selbstverständnisses der „Willensnation“ Schweiz. Geht es aber um MigrantInnen... Di più

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    Zusammenfassung
    Die Schweiz gilt international als Modell eines gelungenen Multikulturalismus, dann nämlich wenn es das Zusammenleben der vier Sprachgruppen (Romands, DeutschschweizerInnen, TessinerInnen, RäteromanInnen) betrifft. Ein sprachlicher wie auch religiöser Pluralismus ist und war stets ein Grundbaustein des Selbstverständnisses der „Willensnation“ Schweiz. Geht es aber um MigrantInnen präsentiert sich die Geschichte anders, denn in diesem Falle erscheinen religiöse und ethnisch-kulturelle Pluralität vorwiegend als problematisch. MigrantInnen gehören nicht zum multikulturellen Staat, vielmehr sind Prozesse kollektiver Grenzziehungen und damit Schliessungsmechanismen zu beobachten, in denen Ethnizität, Religion und Kultur zu den wichtigsten Differenzierungsmerkmale werden, wie Gemeinsamkeiten gegen Innen (SchweizerInnen) und Barrieren gegen aussen (Ausländer, Migranten, Muslims, etc.) hergestellt werden. Ich argumentiere in diesem Artikel, dass sich dieser „Kulturdiskurs“ im letzten Jahrzehnt verstärkt hat und gleichzeitig semantischen Verschiebungen unterworfen war. Mittels der Grenzziehungsperspektive wird historisch nachgezogen, wie Zuwanderung und Integration in politischen Debatten und Gesetz zunehmend kulturalisiert und ethnisiert wurden. Ein Fallbeispiel aus der Forschung dient mir anschliessend zur Illustration dieses „neuen“ Essentialismus. In einer Mikroperspektive zeige ich wie Jugendliche im Kontext dieser neuen semantischen Einfärbung des „Kulturarguments“ Grenz- und Differenzlinien erstellen. Die öffentlich-politischen institutionalisierten Grenzziehungen werden von den Jugendlichen weitgehend übernommen, und die von Ausschluss Betroffenen haben keine Chance, gegen diese etablierten Differenzlinien anzukommen, sondern sie entwickeln Strategien, die paradoxerweise die etablierten Grenzziehungen und das „Kulturargument“ zusätzlich verstärken. Der öffentlich-essentialistische „Kulturdiskurs“ ist deshalb als Form von symbolischer Gewalt im Sinne von Bourdieu und Passeron (1970) zu verstehen. Das „Kulturargument“ und damit verbundene Grenzziehungsprozesse sind konkrete Manifestationen eines grundlegenden gesellschaftlichen Herrschaftsprozesses und monopolisieren nationale Legitimität.